Die Aufrichtung


Als dann eines Tages das Telefon klingelte und sich die Klinik in Bad Wildungen meldete, um mir einen Termin für die stationäre Aufnahme mitzuteilen, bekam ich noch mal richtig weiche Knie. Aber die Entscheidung stand fest.
Im März 2000 begannen die Voruntersuchungen, die nach meinem Empfinden sehr ausführlich und gründlich abliefen. Nach der Auswertung der Ergebnisse stand der Aufrichtung nichts mehr im Weg.

Leider hatte ich keine anderen Fotos als diese. Sie sind nicht schön.... ...aber selten. Denn ich bin Kameras immer aus dem Weg gegangen.

Meine Körpergrösse war von 186 cm bis kurz vor der Aufrichtung auf 162,5 cm zusammen geschmolzen.
Nach der Operation habe ich wieder eine Grösse von 180 cm.
(Aber wahre Grösse wird nicht in cm gemessen.)
 
Insgesamt gesehen sind mir die Fotos schon etwas peinlich, aber...
  Hier kann man sogar meinen immer breiter werdenden Scheitel sehen.
 
  ...das Ergebnis zählt.  
Zwar war ich bei der Operation dabei, kann mich aber an nichts mehr erinnern. Das blieb auch die nächsten 2 Tage auf der Intensivstation so. An einem Samstag wurde ich wieder auf die normale Station verlegt. Auch weiterhin wurde ich mit Schmerzmitteln und anderen nötigen Arzneien versorgt und der Dämmerzustand hielt an. Bis zum Montagvormittag durfte ich mich nicht alleine drehen und musste immer das sehr freundliche und hilfsbereite Pflegepersonal bemühen. Dann sollte ich einen Rumpfgips bekommen. Dazu wurde ich auf ein spezielles Gestell gehoben, auf dem man sich nicht sehr wohl und sicher fühlt, das sich anscheinend aber bewährt hat. Nun wurden die nassen Gipsbinden um den Oberkörper gewickelt und nach ca. 20 Minuten Austrockenzeit wurde ich wieder in das sichere Bett gelegt und hatte ca. 6-8 kg „zugenommen“. Nach weiteren 4-6 Stunden Trocknen erschienen 2 „Kampfgirls“ (Eigenbezeichnung einer KG = Krankengymnastin), um mich das erstemal nach der Operation auf die eigenen Füße zu stellen. Schon vorher war ich gespannt wie es sein würde. Als ich vor dem Bett stand und der Kreislauf ganz gut mitmachte, gingen wir den Flur einmal rauf und runter. Die für mich neue Situation habe ich aber nicht bewusst wahrgenommen. Viel zu sehr war ich auf meine Füße konzentriert und darauf, dass der Kreislauf nicht doch noch Probleme bereitet.
Dann am Abend traten Taubheit und Schmerzen im rechten Bein auf. Man ging davon aus, dass der Gips irgendwo drücken würde und so wurde dieser noch am Abend wieder aufgeschnitten und abgenommen. Die Beschwerden blieben aber auch am nächsten Tag und verstärkten sich noch. Am darauf folgenden Tag wurde erneut eine Mylografie gemacht. Als dann am Abend das Ergebnis vorlag, brach für mich die Welt zusammen. Es hatte sich ein Gerinsel gebildet, welches auf den Spinalkanal drückte und diese Taubheit und Schmerzen verursachte. Am nächsten Morgen wurde ich erneut operiert. Dieser Eingriff dauerte aber nicht solange wie der erste und so war ich am frühen Nachmittag auf der Intensivstation völlig wach und ungeduldig, wann ich wieder auf die normale Station verlegt würde. Darauf musste ich allerdings noch bis zum nächsten Vormittag warten. Am Samstag wurden die Drainagen entfernt und danach konnte ich das Gipskorsett, das ja schon am Montag angefertigt worden war, wieder anlegen lassen. Am Nachmittag machte ich dann mit meiner Frau zusammen den ersten bewusst wahrgenommenen Gang über den Flur. Beim Verlassen des Zimmers stellte ich erstaunt fest, wie niedrig doch die Türdrücker waren. Die Tür öffnete sich und ich sah den gegenüberliegenden Türrahmen, der mir für einen normal gewachsenen Menschen doch sehr niedrig erschien. Auf dem Weg zur Terrasse trafen wir Mitpatienten, denen ich bislang nur mit Mühe beim Gespräch in die Augen sehen konnte. Jetzt hatte sich auch dieses geändert.
Dieses Gefühl ist unbeschreiblich. Gegenüber der Klinik liegt ein kleiner Berg, dessen Kuppe ich vor der Operation nur sehen konnte, indem ich die Knie einknickte und mich nach hinten lehnte. Nun stand ich da und guckte einfach geradeaus und sah sogar den Himmel über der Bergspitze.
Nach einiger Zeit, als ich sicherer auf den Beinen war, unternahmen wir den ersten Spaziergang in den Park. Es gab für mich ständig „Neues“ zu sehen. Bei einem dieser Ausflüge gingen wir in einen nahegelegenen Steh-Imbiss. Meine Frau wollte mir dann, wie sie es gewohnt war, die Karte über der Abzughaube vorlesen, worauf ich ihr sagte: „Lass mal, ich kann schon lesen“.
Als ich dann 3 Wochen nach der letzten Operation im Krankenwagen liegend zu Hause ankam, waren einige Nachbarn schneller am Wagen als ich draußen.
Ich konnte allen bei der Begrüßung in die Augen sehen.
Es sind viele „Kleinigkeiten“, die sich zum Positiven für mich verändert haben und einen erheblichen Gewinn an Lebensqualität darstellen. Diese Veränderungen kann man nicht alle aufzählen, aber vielleicht noch einen Satz dazu. Als ich kurze Zeit nach der Operation in die Raucherecke ging und mich die Mitpatienten fragten: „Wie geht es Dir denn jetzt?“, sagte eine andere Patientin: „Guckt Euch doch diese strahlenden Augen an, dann weiß man wie es ihm geht“. Die Frau hat recht. Bisher habe ich die Entscheidung zu dieser Operation nicht bereut, und ich würde es wieder so machen.
In dieser Zeit war meine Mutter zumindest in der Woche bei uns, da meine Frau berufstätig ist und ich bei vielen Sachen auf Hilfe angewiesen war. Während des ersten halben Jahres darf man nur  2 kg heben, danach 5 kg, bis auch das langsam gesteigert werden darf.
Als ich unsere Küche zum erstenmal wieder betrat, hatte ich den Eindruck, dass die Höhe der Arbeitsplatte um einiges niedriger war als zuvor. Ich habe nachgemessen, sie war es nicht.
Zu meiner großen Freude hatten die gesamten Nachbarn mir einen Stehtisch geschenkt. Dieser wurde den Sommer über regelmäßig genutzt zum Klönen und Tratschen.
Irgendwann stellte ich fest, dass ich den First unseres Hauses von der anderen Straßenseite sehen konnte. Dieses war mir vorher nicht möglich gewesen.
Sechs Monate nach der Aufrichtung wurde ich wieder stationär in der Klinik aufgenommen. Hier wurden Kontrolluntersuchungen gemacht und an Hand der Röntgenaufnahmen der Sitz der 20 Schrauben und 2 Stangen überprüft. Alles war in Ordnung, so dass ein Gipsabdruck für die Anfertigung eines Kunststoffkorsettes gemacht werden konnte. Dieses Korsett wog nur noch ca. 2 kg. Sowohl das Gipskorsett, mit dem man ja ein halbes Jahr leben muss, es ist nicht abnehmbar, als auch das Kunststoffkorsett sollte man mindestens 1 Woche in der Klinik tragen und gegebenenfalls bei Druck- oder Scheuerstellen immer wieder ändern lassen. Der Aufwand bei späteren Änderungen ist erheblich. Man muss wieder liegend zur Klinik transportiert werden. Die Änderung dauert nicht sehr lange, aber ob dadurch eine Besserung erreicht wird kann meist erst Tage später, also zu Hause, festgestellt werden.
Ein weiteres halbes Jahr nach der Aufrichtung wurde ich zur ambulanten Kontrolle bestellt. Nach den Untersuchungen und der Röntgenkontrolle, es war alles gut verheilt, wurden mir die Verhaltensregeln für die nächste Zeit mitgeteilt. Danach darf ich jetzt das Korsett nach eigenem Ermessen in einer Zeit von ca. 8 Wochen abtrainieren. Auch wenn dieser Kunststoff-Panzer nicht besonders angenehm ist, ist es doch ein sehr unsicheres Gefühl ihn nicht zu tragen. Die Bewegungen ohne ihn sind vielleicht mit dem Gang auf rohen Eiern zu vergleichen.